Der polylobe Bogen: ein Bauornament islamischen Ursprungs zwischen Aneignung und Transkulturation
Zentrales Untersuchungsobjekt der vorskizzierten Studie, die von Prof. Dr. Bernd Nicolai betreut wird, ist der polylobe Bogen in Kastilien-León des 12. Jahrhunderts. Untersucht werden soll, inwiefern die Verwendung des polyloben Bogens an christlichen Kirchen als Folge der Transkulturation zu sehen ist und ob repräsentativ-politische Absichten im Umfeld der Reconquista eine Rolle spielten.
Nach der Sichtung und Analyse der polyloben Bogens in Kastilien-León sollen die Bogen in Bezug auf die polyloben Bogen der islamischen Bauten verortet werden. Dabei ist vor allem die Frage wichtig, ob in der islamischen Baukunst Referenzbauten festzustellen sind und eine Rezeption dieser Formen stattgefunden hat.
In drei Machtzentren Nordspaniens wird auf islamische Bauformen zurückgegriffen. In Burgos wurde im Kloster Las Huelgas eine Kapelle in almohadischer Formensprache errichtet. In San Isidoro in León wie auch in Santiago de Compostela gehören polylobe Bogen zum dekorativen Repertoire. Die Position, die diese drei Zentren in Bezug auf die Reconquista einnehmen, soll analysiert werden, um eventuelle politisch-repräsentative Absichten aufzuspüren.
Die christlichen und die islamischen Völker lebten während Jahrhunderten nebeneinander, was eine Transkulturation, einen Kulturaustausch, zur Folge hatte. Die Mudéjar-Kunst, die eine Verbindung von islamischer und christlicher Architektur bedeutet, wird als Folge dieser Transkulturation gesehen. Muss die Integration von einzelnen islamischen Bauornamenten in christliche Baukomplexe als Vorform des Mudéjar gesehen werden? Wie ist die Grenze zwischen den Reichen als Idee und als Raum, zwischen Bündnissen und Krieg, zu beurteilen?
Eine besondere Rolle spielt Toledo, als Stadt, in der islamische und christliche Kultur direkt aufeinander getroffen sind. Was sich hier beobachten lässt, ist der Umgang mit dem architektonischen Erbe der 1085 zurückeroberten Stadt. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts entstehen wenige christliche Bauten, die noch vorhandene islamische Strukturen integrieren. Kann hier eine architektonische Transkulturation beobachtet werden oder drücken die christlichen Eroberer ihre Überlegenheit in architektonischer Sprache aus?

